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"Be A Mensch" - Arise Tagebuch April

  • Autorenbild: Arise Germany
    Arise Germany
  • 11. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 13. Mai

Schüler-Bildungsreise in Tschechien

 

Treffen sich 120 tschechische, slowakische und deutsche Zehntklässler in Prag

Anlässlich des Holocaust-Gedenktages, Jom haSchoa, organisiert die ICEJ eine jährliche Austausch- und Bildungsreise. Dieses Jahr nahmen neun Schulen Mitte April an diesem Austausch teil, das Thema im Fokus: Wurzeln des nationalsozialistischen Antisemitismus. Während eines langen Wochenendes erkundeten die Schulklassen zwei Orte, das historische jüdische Viertel in Prag sowie das ehemalige Ghetto Theresienstadt. Mittendrin: Melina und Matthias aus dem ICEJ Arise Team. Die Reise fördert interkulturellen Dialog, ein historisches Verständnis und setzt zudem ein solides Zeichen für grenzübergreifende Erinnerungskultur und Versöhnung.

 

Sicherheitsvorkehrung im jüdischen Viertel

Unser erster Tag führte in das jüdische Viertel. Ein Ort voller Geschichte direkt am Moldau-Ufer, der bis heute eine besondere Atmosphäre ausstrahlt. Gleich zu Beginn wurde deutlich, wie präsent das Thema Sicherheit ist: gründliche Kontrollen an den jüdischen Einrichtungen kosteten Zeit, doch sie machten greifbar, was oft abstrakt bleibt. Auf die Frage eines Schülers, was die Flughafenscanner und Kameras hier überall sollen, folgte eine ebenso einfache wie ernüchternde Antwort der Reiseführerin: „zum Schutz jüdischen Lebens.“

 

Auf geschichtlichen Spuren

Die Anfänge jüdischen Lebens in Prag reichen über tausend Jahre zurück und sind eng mit der Stadtgründung selbst verknüpft. Ein Wechsel zwischen extremer Ausgrenzung und Phasen kultureller Blüte prägt die jüdische Geschichte in Prag. So ist die um 1270 erbaute Altneu-Synagoge die älteste kontinuierlich genutzte Synagoge in Europa. Doch Diskriminierung, Ghettoisierung und Ausgrenzung bestimmten über die Jahrhunderte hinweg den Grundtenor. Beispielsweise durfte die jüdische Gemeinde das Ghetto nicht vergrößern. Unsere Schulklassen sahen, dass diese Beschränkung historisch vor allem auf dem Friedhof zu einem Dilemma führte. Jüdische Tradition schreibt nämlich vor, Gräber nicht aufzulösen. Deswegen sind die Toten auf dem alten jüdischen Friedhof in bis zu zwölf Schichten übereinander bestattet. Ein weiteres Beispiel ist, dass Prag die öffentliche Kennzeichnung von Juden schon im Mittelalter besonders strikt umsetzte. Jüdische Männer mussten eine gelbe Mütze tragen, Frauen einen gelben Schleier. Diese Schikanierung fungierte als ideologischer Vorläufer der Gelben Sterne im Nationalsozialismus, um Juden im öffentlichen Raum zu stigmatisieren.


In der prachtvollen Spanischen Synagoge. Namenshintergrund: 1492 wurden Juden aus Spanien vertrieben und fanden auch in Prag Zuflucht. Der maurische Alhambra-Stil erinnert an das goldene jüdische Zeitalter in Spanien, ca. 10-12 Jahrhundert. Maimonides, bedeutendster jüdischer Schriftgelehrter des Mittelalters, lebte zu dieser Zeit in Spanien.

 

Wie konnten so viele jüdischen Denkmäler in Prag die NS-Zeit überstehen?

Adolf Eichmanns Referat hatte eine Prager Außenstelle, die ab Oktober 1941 nicht nur die Deportation tschechischer Juden organisierte, sondern auch die Plünderung ihrer Besitztümer und Kulturgüter. Ein Prager Jude, Dr. Karel Stein, rettete enorme Mengen an Kulturschätzen, indem er der deutschen Besatzungs-Treuhandstelle ein „Jüdisches Zentralmuseum“ in Prag vorschlug. Interessanterweise stimmten die Nationalsozialisten zu. In kürzester Zeit wurden über 100.000 Exponate gesammelt, darunter wertvolle Thora-Rollen, Silbergegenstände und seltene Handschriften aus über 150 Provinzgemeinden. Im Jahre 1942 beschloss die NS-Reichsregierung bei der Wannsee-Konferenz die systematische Vernichtung der Juden. Umso verblüffender ist, dass Prager Synagogen kurz darauf nicht zerstört, sondern restauriert und in Museen verwandelt wurden. Das eigentliche Ziel der Nazis: eine makabre ‚wissenschaftliche‘ Dokumentation über den zu vernichtenden Gegner. Warum? Um zukünftige Generationen über seine Gefährlichkeit zu informieren. Diese zynische Agenda der Nazis rettete paradoxerweise viele Schätze. Erst nach Zerfall der Sowjetunion wurden die Gebäude und Schätze wieder an die jüdische Gemeinde Prags übergeben.


Shoah: Fast vollständige Auslöschung des jüdischen Lebens in Prag

Trotz Archivierung und Ausstellung vieler Kulturgüter löschte der Holocaust das eigentliche jüdische Leben in Prag fast vollständig aus. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten etwa 56.000 Juden in Prag. Rund 46.000 von ihnen wurden in Vernichtungslagern ermordet, sprich über 80%. Heute erinnert das Pinkas-Synagogen-Mahnmal an die insgesamt 80.000 Opfer aus den damaligen tschechischen Gebieten, Böhmen und Mähren. Ein Schüler kommentierte beim Besuch der Pinkas-Synagoge: „Die Namen an den Wänden hören ja gar nicht auf! Und es sind nur 80.000 von sechs Millionen.“ An einem interaktiven Bildschirm konnten die Schüler individuelle Schicksale nachlesen. Betroffen stellte ein Schüler fest: „Allein mit meinem Namen, Josef, gab es über 2.300 Opfer aus Böhmen und Mähren.“

 

80.000 Shoah-Opfer aus den tschechischen Gebieten: die beklemmenden Wände der Prager Pinkas-Synagoge.

 


Theresienstadt: Zwischen Idylle und unaussprechlicher Schwere

Am nächsten Tag führte unser Weg nach Theresienstadt (Terezín), eine kleine Stadt im Norden Tschechiens - nur eine Stunde von Dresden. Ihre strategische Lage nutzten die Nazis als Transitlager, um Juden von dort in östliche Vernichtungslager zu schicken.

 

Wir wurden von Karl empfangen, einem 80-jährigen Mann, der uns mit bemerkenswerter Energie durch das ehemalige Ghetto führte. Auf den ersten Blick wirkte Theresienstadt beinahe idyllisch, denn heutzutage ist es eine Wohngegend. Doch dieser Eindruck verblasste rasch. Hinter der scheinbaren Normalität liegt eine kaum greifbare Schwere, die sich im Laufe des Rundgangs immer stärker bemerkbar machte. Ungefähr 35.000 Juden starben direkt in Theresienstadt, hauptsächlich aufgrund der unmenschlichen Lebensbedingungen (Hunger und Seuchen). Knapp 90.000 Opfer wurden von dort in Vernichtungslager weiterdeportiert und ermordet, vor allem nach Ausschwitz-Birkenau.

 

Am Nachmittag trafen sich alle neun Schulklassen zu einer Gedenkfeier in Theresienstadt. Diese fand auf dem Friedhof zum Gedenken an die ermordeten Kinder statt. Ein jüdischer Kantor leitete die Gruppen durch tiefgründige Liturgie mit biblischen Bezügen. Die Schüler hatten anschließend die Möglichkeit, Steine abzulegen - ein jüdischer Brauch, der Erinnerung und Beständigkeit symbolisiert. Anders als Blumen, die verwelken, stehen Steine für ein dauerhaftes Gedenken. Sehr bewegend waren die Gespräche zwischendurch. Immer wieder zeigten die Schüler durch reflektierte Fragen, wie sehr sie sich mit dem Gesehenen auseinandersetzten. Geschichte wurde hier nicht nur vermittelt, sondern aktiv hinterfragt und in die Gegenwart eingeordnet.

 

Schienen ins Scheusal. Züge transportierten Juden nach Theresienstadt und weiter.

 


Jede Schulklasse hatte eine Präsentation zum Thema Antisemitismus vorbereitet. So entstand ein interaktiver Nachmittag mit Perspektivenvielfalt. Hut ab an alle! Solch schwere Themen in einer Fremdsprache vor über 100 Leuten zu präsentieren.

 

Brücke ins 21. Jahrhundert

Am letzten Morgen standen Begegnungen im Mittelpunkt. Zwei Gäste aus Israel - ein Jude und ein Araber - teilten Kriegsgeschichten vom 7. Oktober 2023 und ihre Perspektive auf die Lage im Nahen Osten. Der Zusammenhang zum heutigen Antisemitismus wurde thematisiert, um die geschichtlichen Lektionen über Judenhass auf das 21. Jahrhundert anzuwenden. Die Gespräche waren intensiv, aber zugleich von Respekt geprägt. Ohne Zweifel besitzen die Schüler ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und wünschen sich, die Hintergründe komplexer Konflikte wirklich zu verstehen. Mit diesen Gedanken im Gepäck traten wir schließlich die Heimreise an - bereichert durch neue Perspektiven, nachdenklich gestimmt und mit dem Gefühl, dass diese Erfahrungen weit über die Reise hinaus wirken werden.

 

 

 


Be A Mensch

Gleich anfangs der Reise zog der Spruch „Be A Mensch“ an einer Tür im jüdischen Viertel die Kuriosität der Schüler auf sich. Mensch ist ein jiddisches Wort (Mentsh, מענטש), dass sich nicht wie im deutschen Sprachgebrauch nüchtern auf Homo Sapiens bezieht. Vielmehr lobt dieses jiddische Wort ein tiefgründiges Ideal. Nämlich eine Person, dessen moralischer Kompass stets auf Rückgrat, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zeigt. Möge dieser Satz - Be A Mensch -  die Schüler und uns alle herausfordern, mit einer historischen Dringlichkeit gegen Unterdrückung, Hass und Ausgrenzung in Deutschland aufzustehen. Wie schon die Bibel ermutigt: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten!“ (Römer 12:21)


 

 
 
 

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